1904 - Großfeuer in Lehe

Zeitungsbericht über das Großfeuer bei der Firma Wilh. Rogge

Begünstigt von dem letzten Sonnenschein des Sommers war der gestrige Sonntag (28.08.) so recht dazu angetan, die wenigen schönen Stunden, die wir noch im Freien verleben können, draußen zu begehen. Viele rüsteten sich zum Aufbruch, da gellten mittags, kurz nach 1 Uhr Feuerrufe und Hornsignale durch die sonntägliche Stille. Auf dem Fabrikgrundstück der Firma W. Rogge an der Hafenstraße war ein Brand ausgebrochen. Ehe man noch an ein Weitergreifen der verheerenden Flammen dachte, hatte der auffrischende Nordwestwind das Feuer in rasender Geschwindigkeit über den Platz gejagt, wo es an den leicht aufgetürmten Holzstößen, an den Sägespähnen reichliche Nahrung fand.

Das Feuer griff weiter um sich und sprang schon auf die Stallgebäude über. Durch das geheul eines Hundes veranlaßt, öffnete man gewaltsam die Stalltüren; man konnte die im Stalle stehenden sechs Pferde und den Hund nur noch eben mit knapper Not dem sicheren Untergang entreißen. Mittlerweile, um 1 Uhr 26 Min. erschien die Leher Feuerwehr auf der Brandstätte. Man sah direkt, daß das Eingreifen in den Herd des Feuers nutzlos war und beschränkte sich darauf, das Kontor und die anliegenden Häuser zu schützen. Mit den vorhandenen Mitteln leisteten die Feuerwehrleute fast Übermenschliches.

Um ein Weitergreifen zu verhindern, mußte jedoch um 1 Uhr 45 Min. die Bremerhavener Feuerwehr zur Hilfe geholt werden, die seit 1 Uhr 23 Min. mit zwei Dampfspritzen bereit stand.

Sie griff sofort tatkräftig mit mehreren Schläuchen in das Flammenmeer ein, teils die Häuser schützend, teils den Herd angreifend. Auch die Geestemünder Feuerwehr, die um 2 Uhr alarmiert wurde, rückte um 2¼ Uhr zur Brandstelle mit einer Dampfspritze, zwei Schlauchwagen und einer mechanischen Leiter ab. Sie griff sofort mit der Dampfspritze an den Kistnerschen Mehlschuppen ein und verhinderte so ein weiteres Umsichgreifen an dieser Stelle. Sie wurde bald unterstützt durch den Dampfprahm I, der gegen 3½ Uhr mit mächtigen Wassermengen mit eingriff. Die kleine Verzögerung bei der Eisenbahnbrücke erfolgte aus folgenden Gründen: Gegen 2 Uhr 35 Min. lag der Prahm I vor der Drehbrücke und verlangte die Durchfahrt. Der Wärter fragte hierauf bei der Station Geestemünde an, ob die Brücke geöffnet werden könne, was nicht mehr angängig war, da um 2 Uhr 45 Min. ein Zug für den ankommenden Dampfer "Roon" abgelassen werden mußte. Nach Passieren dieser Überführung wurde die Brücke sofort geöffnet, was immerhin doch mit der Durchfahrt 15 Minuten in Anspruch nimmt. Der Prahm II erschien darauf gegen 3 Uhr 45 Minuten an der Brücke. Da aber um 4 Uhr ein Überführungszug von Bremerhaven erwartet wurde, hat Bremerhaven zuerst die Durchführung dieses Zuges verlangt, die Abfahrt hat sich jedoch, was vorher nicht zu übersehen war, etwas verzögert, sodaß der Prahm II mit kleiner Verspätung an der Brandstelle erschien. Beide Prähme fuhren äußert flott die kleinen Windungen der Geeste hinauf und der Prahm I legte im dicken Rauch dicht an das Feuer und versuchte es gemeinschaftlich mit den drei Feuerwehren einzudämmen.

Diesen drei Wehren, gesellte sich noch die Spritze der Matrosen-Artillerie hinzu, die sich rühmenswert an den Löscharbeiten beteiligte und der die Aufgabe zufiel, das Kontor zu schützen, was sie mit großer Energie auch getan haben. Das Feuer griff jedoch mit elementarer Gewalt um sich und ergriff zuerst das Haus Hafenstraße 155 nebst dem anliegenden Kontor. Auf dem Platze indes wüteten die Flammen in ungehemmter Stärke weiter, alles ergreifend, was sich bot und alles vernichtend, was ergriffen war. Eine dunkle Säule, untermischt von züngelnden Flammen, stieg, weit sichtbar, zum blauen Himmel empor. Prasselnd krachten die Holzstöße zusammen, eine dicke Rauchwolke aufwirbelnd, Gluthitze entströmte dem Flammenmeer und zischend prasselten die Wasserstrahlen in das Element.

Die bedrohten Häuser mußten geräumt und dann dem Element preisgegeben werden, da an eine Rettung nicht zu denken war. Das Haus Nr. 155 brannte an der hinteren Seite und im Dachstuhl vollständig aus. Mittlerweile war das Feuer auf den großen vierstöckigen Neubau Nr. 153b übergesprungen. An einer hölzernen, mit Dachpappe umkleideten Rinne leckten die Flammen hinauf. Dicker Qualm stieg aus dem Hause auf, jedoch griffen hier die Bremerhavener und Leher Feuerwehr so tatkräftig ein, daß die Flammen erstickt wurden und nur die Hinterfront beschädigten. Das Haus, das sehr viel durch Wasser gelitten hat, wird doch wohl geräumt werden müssen.

Mittlerweile hatte das Flammenmeer sich auf die Th. Kistnerschen Mehlschuppen und das dazugehörige Kontor, sowie auf das Haus W. Rogge, Hafenstraße 153, ausgebreitet. In den ausgedehnten Mehl- und Getreidelagern fanden die Flammen reichlich Nahrung.

Lichterloh mit sengender Glut fraßen sie an den Schuppen hinan, in wenigen Augenblicken alles umfassend und vernichtend. ganze Feuerbüschel prasselten aus den Fenstern heraus und breiteten sich mit riesenhafter Geschwindigkeit über das ganze terrain aus. Als das Roggesche Wohnhaus nun auch lichterloh in Flammen stand, breitete sich eine gewaltige Glut aus, der gegenüber man fast machtlos war. Die Wehren bekämpften gemeinschaftlich mit Erfolg den Brand und nur der angestrengtesten Arbeit ist es zu verdanken, daß das Feuer aus dem völlig ausgebrannten Roggeschen Wohnhause nicht auf das H. Kistnersche Haus, Hafenstraße Nr. 151, übersprang. Hier war die Grenze des Feuers. Hier wurden die Gluten durch Unmengen Wassers eingedämmt.

Vollständig eingeäschert wurde das gesamte Roggesche Fabriketablissement, das Wohnhaus Rogge, Hafenstraße 153, und das Kistnersche Mehllager nebst Kontor. Ganz ausgebrannt ist das Wohnhaus Rogge, Hafenstraße 155, teilweise das anliegende Kontor. Es war eine feuersbrunst, wie wir sie hier glücklicherweise selten gehabt haben. Der glückliche Umstand, daß der Wind aus Nordwest wehte, hat ein unabsehbares Unglück verhütet. bei Südwind wäre das ganze gegenüberliegende Viertel gewiß abgebrannt. Die Hitze war doch schon derart, daß an den linksseitigen Häusern der Hafenstraße acht Spiegelscheiben und unzählige kleine Scheiben geplatzt sind. Im Hause Nr. 204 brach sogar schon in der Mansarde Feuer aus, das jedoch gleich bewältigt wurde. All diese Häuser wurden zum großen Teil schon geräumt, und so bot die Hafenstraße ein trauriges Bild menschlicher Ohnmacht dem entfesselten Element gegenüber. Ganze Wohnungseinrichtungen, das Ergebnis jahrelanger Arbeit und treuen Fleißes, lagen zerbrochen und verstreut auf der Straße umher. Dazwischen irrten verstörte Frauen und weinende Kinder hin und her. Fürwahr, ein trauriger Anblick. - Und dabei das Gelächter und den Hohn roher Gesellen - das macht das Bild zu einem ekelhaften.


Wacker und rüstig hielten sich die drei Feuerwehren. Da kann keiner der Sieg über das Element besonders zugesprochen werden. Einen solchen Arbeitsfelde gegenüber werden in gemeinsamem Vorgehen alle Gegensätze ausgeglichen. Wie ein großes Ganzes arbeiteten die drei Wehren, unterstützt von den Dampfprähmen, in aufopfernder Weise. Vom kameradschaftlichem Geiste beseelt, setzten die Mannschaften unter der sicheren Leitung der Herren Branddirektoren Platow, Freiträger und Knackstedt alles daran, Herr über das verheerende Element zu werden, und nach mehrstündiger, angestrengter Arbeit hatten sie es auch bewältigt. Glücklicherweise sind nur kleine Verletzungen zu verzeichnen. Einen Feuerwehrmann wurde eine Hand erheblich verletzt und eine Zivilperson erlitt eine klaffende Stirnwunde durch einen aus dem Fenster geworfenen Stuhl.

Die Rettungsarbeiten Lobend hervorzuheben sind die Rettungsarbeiten der Matrosen-Artillerie. Sie räumten die gefährdeten Häuser aus und sowohl an den Sachen auf der Straße wie auch zur Absperrung stellten sie, Posten unter Gewehr.

Ganz frevelhaft wurde von allerhand Elementen vorgegangen, die sich, ohne aufgefordert zu sein, an den Rettungsarbeiten in geradezu empörender Weise beteiligten. Aus reinem Vandalismus wurden Spiegelschränke, Möbel, Porzellan etc. aus den Fenstern geworfen. Diese Leute haben mehr Schaden angerichtet, als wenn alles Inventar ein Raub der Flammen geworden wäre. Aus der 4. Etage des großen Roggeschen Hauses wurden u. a. sogar Spiegel geworfen. Hier wäre ein Feld gewesen, tatkräftig gegen solche Vandalen einzuschreiten, aber in der allgemeinen Aufregung ließ man die Leute hausen.

Von zuständiger Stelle in Lehe wurde die Bremerhavener Polizei zur Absperrung requiriert. Unverständlich war die Maßnahme, die Barriere am Bahnübergang schließen zu lassen, wo doch soviel Mannschaft zur Absperrung vorhanden war. Daß bei dem Gedränge auf der Überführungsbrücke kein Unglück vorgekommen ist, kann als Wunder bezeichnet werden.

Über die Entstehungsursache hat bislang bestimmtes nicht festgestellt werden können. Es scheint nicht ausgeschlossen zu sein, daß Brandstiftung vorliegt. Der Gesamtschaden wird auf ca. eine halbe Million Goldmark geschätzt. Die Firma Rogge war bei der Magdeburger Feuerversicherungs-Gesellschaft versichert.

Anmerkung: In den Analen der Firma wurde festgehalten, daß das Feuer - dessen Ursache vermutlich in einem Kurzschluß gelegen hat.


Bemerkung:

Prahm = flaches Wasserfahrzeug für Arbeitszwecke
Dampfprahm = Löschboot mit einer Dampfspritze

Quelle: Leher Tageblatt vom 29. 8.1904 & Archiv Feuerwehr Bremerhaven