1936 - Wulsdorf von einer Brandkatastrophe heimgesucht

Sechs Wohnhäuser niedergebrannt
Feuer von spielenden Kindern verursacht

Der Ortsteil Wulsdorf wurde gestern nachmittag (29. Juni 1936) von einer verheerenden Brandkatastrophe heimgesucht, die große und schwere Schäden verursacht und über zahlreiche Familien Leid und Kummer gebracht hat. Neun Gebäude, darunter sechs Wohnhäuser, fielen den Flammen zum Opfer. Elf Familien mit 36 Angehörigen sind plötzlich obdachlos geworden, bei denen es sich vielfach um bedürftige Volksgenossen handelt. Die Schäden sind nur zum Teil durch Versicherung gedeckt.

Es ist Altwulsdorf, jener zwischen Weserstraße und Lindenallee gelegene Teil rings um die alte Kirche und den Jedutenberg, der von dem Großfeuer betroffen wurde. Wer im Fahrzeug Wulsdorf in Richtung Bremen oder Bremerförde passiert, sieht kaum etwas von diesem abseits und versteckt liegenden und noch rein ländlicher Charakter tragenden Stadtteil; der Mehrheit der Unterweserbevölkerung dürfte er in seiner Abgeschiedenheit völlig unbekannt sein. Hier stehen die Gehöfte noch dicht bei dicht, Strohdächer bedecken die Gebäude, große Bauernhäuser in rein niedersächsischer Stil kann man hier sehen, so auch in der sich parallel zur Weserstraße hinziehenden Bremer Straße. Hier kam am Nachmittag, etwa 2.45 Uhr, in der Scheune des Gehöftes Bremer Straße 42, das Feuer zum Ausbruch. Das Grundstück gehört dem 90 Jahre alten Veteranen Johann Ehlers, der das Wohnhaus mit seiner Tochter bewohnt. Die Scheune war verpachtet. An der Brandstelle wurde behauptet, daß diese Scheune, bevor das Feuer entstand, zwei Kinder verlassen hätten. Die Kriminalpolizei, die diesen Angaben nachging, stellte fest, daß tatsächlich die zwei Jungen im Alter von vier und fünf Jahren die Brandstifter sind. Sie haben in Gegenwart ihrer Eltern gestanden, in der Scheune mit Streichhölzern gespielt und dabei das Feuer verursacht zu haben.

Der Brand griff von der Ehlerschen Scheune auf das Wohngebäude über, die beide im Nu in hellen Flammen standen. In wenigen Augenblicken war aber auch schon eine Anzahl weiterer Höfe in Flammen gehüllt. Mit welcher Schnelligkeit das Feuer auf die benachbarten Häuser übergriff, geht daraus hervor, daß, als die Tochter der Familie Ellinghausen, Frau Habebicht, die das Feuer bei Ehlers gewahrte (bemerkte), sogleich die Kirchenglocken läutete und sich dann schnell wieder in das Elternhaus zurückbegab, nur noch ihr Kind zu retten vermochte.

Von dem Gehöft des Veteranen Ehlers griff das rasende Element auf das daneben liegende, den Rektor Hörmannschen Erben gehörige Wohngebäude, mit Stallanbau, Bremer Straße 40, über, das ebenfalls weich gedeckt war und in dem der Kohlenhändler Janßen und der Fischlöscher Meyn wohnten. Hier hatte eine zahlreiche Kinderschar ihr Heim; die eine Familie zählt z.B. sechs Kinder. Die beiden Gebäude dieses Grundstückes fielen restlos den Flammen zum Opfer. Auf beiden Gehöften hat fast nichts gerettet werden können; die Bewohner sind froh, daß sie das nackte Leben bewahrt haben.

Das Feuer sprang dann über auf die H. Henken gehörige Scheune, in der der Kohlenhändler Janßen sein Lager hatte; das Gebäude wurde in Asche gelegt. Von der Kohlenscheune sprangen die Flammen auf das große und schöne Bauernhaus von Heinrich Henken über, das an den Landwirt Martin Ficken verpachtet ist; der Besitzer wohnt in Schwingenburg bei Stotel. Das stattliche Gebäude brannte vollständig nieder, weiter ein Schweinestall mit Backhaus; von dem zahlreichen Inventar konnte nur wenig gerettet werden. Von hier griff, das Feuer auf das etwas zurückliegende Gehöft des Gärtners Ernst Ellinghausen über das gleichfalls vernichtet wurde. Etwas Mobiliar und ein kleiner Geschäftskraftwagen wurden gerettet.

Von hier aus nahmen die Flammen ihren Weg zum strohgedeckten Superintendentenhaus. In dem alten Vorderhaus, daß aus dem Jahre 1745 stammt, befand sich das Jugendheim; das ganze Gebäude wurde ein Opfer der Flammen, doch gelang es, die Kirchenbücher und Akten in Sicherheit zu bringen.

Etwa 20 Schritte vom Superintendentenhaus und 40 Meter von dem niedergebrannten Ellinghausenschen Gehöft entfernt, steht die altehrwürdige Wulsdorfer Kirche. Wie durch ein Wunder blieb sie von den Flammen verschont, obschon ein neben dem Glockenhaus befindlicher Anbau eingeäschert wurde. Hierzu werden neben der Löschhilfe der Wehren die hohen Bäume des Jedutenberges wesentlich beigetragen haben, die mit ihrem frischen Grün einem Weiterumsichgreifen des Feuers Einhalt geboten. Sonst hätte die Katastrophe wohl ein noch größeres Ausmaß angenommen.

Fast zu derselben Zeit, als das Feuer von dem Gehöft Ellinghausen auf das Superintendentenhaus überstrang, griffen die Flammen von dem Henkenschen Gehöft auf das Grundstück von H. Struckmann, Bremer Straße 39, über, dessen Besitzer in Vilsen wohnt. Hier hatten ihr Heim die Familien Kappelmann und Senne. Das Gebäude brannte vollkommen aus, nur die Umfassungsmauern blieben stehen.

Die abwehrenden Feuerwehren standen jetzt vor einer schwierigen Lage, denn es bestand die große Gefahr, daß von dem Struckmannschen Gebäude die Flammen auf die benachbarten Grundstücke mit ihren strohgedeckten Gebäuden übergriffen. Den angestrengtesten Bemühungen der vereinigten Wehren gelang es jedoch,einen weiteren Umsichgreifen des wütenden Elements Einhalt zu gebieten.

Die Freiwillige Feuerwehr Wulsdorf mit ihrem Oberbrandmeister Carsten Börger war natürlich sofort zur Stelle. Das Gerätehaus befindet sich in nächster Nähe der Kirche, so daß die sofort zur Verfügung stehenden Männer der Wehr tatkräftig helfen konnten. Das Feuer dehnte sich aber mit so rasender Geschwindigkeit aus, daß innerhalb zehn Minuten die eingeäscherten Gebäude ein einziges Flammenmeer bildeten, dem mit Löschgeräten nur schwer beizukommen war. Alles spielte sich in so kurzer Zeit ab, daß die Wulsdorfer Wehr kaum in der Lage war, mit dem Feuer Schritt zu halten. Hinzu kam noch, daß wegen einer Reparatur in der Nähe des Postgebäudes die Wasserleitung abgestellt war. Natürlich wurde alsbald für Wasserzufuhr gesorgt, aber auch ohne diesen Zwischenfall wäre bei der Plötzlichkeit, mit der das Feuer sich ausdehnte, es kaum möglich gewesen, wirksamer zur Brandbekämpfung einzugreifen.

Binnen kurzem trafen dann an der Brandstelle die Geestemünder Berufsfeuerwehr unter Oberbrandmeister Behrens und die Bremerhavener Wehr unter Branddirektor Drühmel ein, der dann die Leitung der Feuerbekämpfung übernahm.

Jeder, der gestern einen Blick auf die rauchenden Trümmer des ausgedehnten Brandherdes werfen konnte, wird solche Bemühungen nur auf das lebhafteste unterstützen. Wertvolles Volksgut wurde innerhalb weniger Minuten ein Raub der Flammen. Schmerzerfüllt sahen die schwergeprüften Volksgenossen in die prasselnden Flammen, die alles das vernichtet hatten, was ihnen lieb und wert gewesen ist. Trostlos, die kläglichen Reste oder Trümmer der geretteten Habe in den angrenzenden Gärten liegen zu sehen. Groß ist der angerichtete Schaden, zumal auch zahlreiche Haustiere verbrannt sind. Viele haben nur das nackte Leben retten können, sie fanden bei Nachbarn und Bekannten liebevolle Aufnahme. In deren Behausungen herrschte gestern ebenfalls ein oft arges Durcheinander, weil die gefährdeten Häuser von den Bewohnern geräumt werden mußten.

Man hörte von tragischen Einzelheiten und von schwerem Los, das manche der heimgesuchten Volksgenossen betroffen hat, die aber die Gewißheit haben können, daß sie in ihrer Not nicht verlassen dastehen werden. Superintendent Uphoff amtierte, als der Brand ausbrach, bei einer Beerdigung. Man gab ihm Nachricht von der Katastrophe, worauf er anordnete, vor allem die Kirchenbücher zu retten.

Quelle: Der Rote Hahn von Dieter Umbach & Archiv Feuerwehr Bremerhaven