1967 - Ätzende Giftwolken nach Rangierunglück

Flüssiges Ammoniak strömte im Kaiserhafen aus
Hafenarbeiter schlossen Ventil - Feuerwehrleute verletzt

Die rotchinesischen Seeleute auf dem Frachter "Lintong" dachten an einen Überfall mit Tränengas. Ätzende Wolken, die das Atmen erschwerten und Tränen in die Augen trieben, durchzogen gestern mittag den am Schuppen B liegenden Frachter, der mit gesackten Düngemitteln beladen werden sollte. Nach den Giftwolken stürmten mit Gasmasken und Schutzhelmen versehene Feuerwehrleute das chinesische Schiff und forderten die in hochgeschlossenen, blauen Uniformjacken gekleideten Seeleute zum Verlassen des Schiffes auf. Die Chinesen erkannten selbst, daß kein bewaffneter Konflikt, sondern ein unglücklicher Unfall eingetreten war: Vor dem Frachter strömte aus einem Kesselwagen der Bundesbahn flüssiges Ammoniak, das sofort vergaste.

Zu dem Unfall war es gekommen, als der norwegische Gastanker "Heroya" (1916 BRT) aus Kesselwagen der Bundesbahn flüssiges Ammoniak übernahm. Eine Rangierlok schob sechs Waggons von je 42 Tonnen Inhalt über einen auf dem Gleis befestigten Hemmschuh gegen zwei Kesselwagen, die über eine Leitung die Chemikalie an den Tanker abgaben. Bei dem Zusammenstoß riß die Leitung. Die Feuerwehr gab Großalarm und beseitigte die Gefahr.

Seit 6 Uhr waren gestern morgen (13.4.1967) die Warnschilder an der Kaje aufgestellt worden, die in mehreren Sprachen auf das Verbot zu rauchen, hinwiesen. Die mit Gasmasken und Spezialhandschuhen versehenen Hafenarbeiter schlossen die ersten der 29 bereitgestellten Waggons mit je 42 Tonnen flüssigem Ammoniak an die Leitung, durch die in den letzten zehn Jahren einige hunderttausend Tonnen der ätzenden und explosiven Chemikalie ohne jeden Zwischenfall an Bord der norwegischen Schiffe gegeben wurde. Seit einem halben Jahr treten auch Engländer als Abnehmer der Chemikalie auf.

Als gestern mittag um 12 Uhr die Bundesbahn weitere Kesselwagen zur Zapfstelle rangieren wollte, geschah das Unglück. Der Zug mit den schweren Kesselwagen rollte heran. "Er hatte eine höhere Geschwindigkeit, als sonst", sagten die Hafenarbeiter. Der Pfiff des Rangierers brachte den Zug nicht zum Stehen. "Da rannten wir los", berichteten die Männer.

Sie rannten mit Armen, die wie Windmühlenflügel ruderte, neben dem Gleis auf den Zug zu. Die Gasmasken, die um den Hals hingen, schlugen gegen ihre Brust. Der Pfiff des 'Rangierers' war offensichtlich ungehört geblieben. Die Armbewegungen der Hafenarbeiter blieben wahrscheinlich ungesehen. Die ersten Räder des Zuges erfaßten den Hemmschuh auf dem Gleis, schoben ihn elf Meter vor sich her, bis er sich in einer Weiche verklemmte. Da zermalmten die Räder den Hemmschuh. Der Zug kam erst zum Stehen, als er den ersten Kesselwagen an der Zapfstelle erfaßte und gegen einen zweiten abgestellten Waggon stieß. Doch da war die Hauptleitung zum Schiff schon gerissen. Das flüssige Ammoniak, das wie Wasser aussieht, strömte aus, vergaste zu undurchsichtigen weißen Wolken und überkrustete Leitungen und Schienen mit einer Eisschicht. Die Explosion blieb aus. Die Waggons aus Gelsenkirchen hielten. Da rannten Arbeiter mit aufgestülpten Gasmasken zur Zapfstelle zurück und schlossen die Schnellschlußsicherheitsventile.


Die Feuerwehr hatte Großalarm gegeben. Unter der Leitung von Brandinspektor Alfred Zwanzig waren drei Löschfahrzeuge, das Löschboot, ein Krankenwagen und Versorgungsfahrzeuge mit Atemschutzgeräten angerückt. Die Feuerwehr richtete ihre Schläuche auf die weißen Wolken. Das vergaste Ammoniak sollte sich an dem Wasservorhang niederschlagen. Mit Atemschutzgeräten versehen, durchdrangen die Männer die ätzenden Wolken und überprüften die Ventile. Die Vereisung der Chemikalie war so stark, daß manchen Feuerwehrleuten die Handschuhe an den Ventilen festfroren.

Die ätzende Kraft der Chemikalie fraß von den Kränen die Farbe ab, durchdrang die Uniformen der Feuerwehrmänner und verursachte an schweißfeuchten Körperstellen intensive Hautreizungen bis leichte Verbrennungen. Vier Beamte mußten sich anschließend einer ärztlichen Behandlung unterziehen und wurden dienstunfähig geschrieben. Eine Stunde nach dem Rangierunfall konnte die Feuerwehr wieder abrücken.


Am Nachmittag lief bereits wieder flüssiges Ammoniak durch die Leitung auf die "Heroya". Die Hafenarbeiter hatten die Katastrophengefahr schon vergessen und witzelten: "Interessant gewesen, heute mittag, was? Sogar die Kripo hat geweint."

Daß es nicht zu einer Katastrophe schlimmeren Ausmaßes kam, verhinderten Hafenarbeiter, die sofort die Sicherheitsventile an den Kesselwagen herumlegten, nachdem der Rangierzug den Hemmschuh völlig zertrümmert hatte.

Quelle: NZ vom 14.04.1967 & Archiv Feuerwehr Bremerhaven