1972 - Wilder Orkan mit Windstärke 13

ORKAN ZOG SEINE SPUR DURCH DIE SEESTADT BREMERHAVEN

Einer der schwersten Orkane, der je Bremerhaven überzog, richtete am 13.11.1972 in der Seestadt Hunderte von Schäden an. Die Böen deckten Häuser ab, vertrieben Schiffe, entwurzelten Bäume, zerrissen Stromleitungen und gaben schließlich den Anlaß dazu, daß die Amerikaner den Flugplatz Weddewarden hinter dem Weserdeich teilweise räumten. Doch die Deiche blieben ungefährdet. Eine Orkanflut blieb aus. Das Hochwasser am späten Nachmittag lief nur 90 Zentimeter über den Normal- stand bis zur Marke von 4,50 Meter auf. Der Orkan kam selbst für die Meteorologen überraschend. Um 8 Uhr tickerte es gestern bei der Wetterwarte Bremerhaven über den Fernschreiber: "Unwetterwarnung. Südwest Stärke 6-8, in Böen 8-10, vereinzelt bis Stärke 12. Aber es kam noch stärker. Windstärke 12 wird ein Sturm bezeichnet, der sich mit einer Geschwindigkeit von 63 Knoten bewegt. Zwischen 9.30 Uhr und 10 Uhr heulten jedoch aus nordwestlicher Richtung Böen von 75 Knoten über Bremerhaven. Wenn es den Wert auf der Beaufortskala gäbe, dann wäre er Orkan mindestens Stärke 13 gewesen. Noch schlimmer als die Spitzenböen erwies sich die Durchschnittsgeschwindigkeit es Orkans. Dieser Dauerwinddruck lag bei Stärke 11. Zwischen 9.50 und 10.30 Uhr blieb diese Windgeschwindigkeit in dieser Stärke nahezu konstant. Der Druck zwang auf den Straßen Männer in die Knie, warf Frauen gegen Hauswände, schleuderte Autos gegen Bäume und Bäume auf Autos und schob parkende Autos mit angezogener Handbremse vom Kantstein auf die Fahrbahn.

Der Druck, der aus dem Orkantief kam, äußerte sich auf den Barometern durch Luftdruckverfall. Er fiel auf 719 Millimeter, den niedrigsten Wert, den die Wetterwarte Bremerhaven seit ihrem Bestehen 1952 registrierte. Der bisherige Tiefpunkt hatte mit 725 Millimeter im Jahre 1958 gelegen.

Gleich die ersten Orkanböen richteten den größten Schaden an. Wenn man die Spuren verfolgt, die sie hinterließen, müssen sie mit ihrer Hauptstoßrichtung Geestemünde getroffen haben. Im gesamten Stadtgebiet lösten sich von ungezählten Dächern Ziegel, Platten und Dachpappenbahnen, zerknallten Scheiben, kippten Verkehrsschilder und Bäume um. Aber südlich der Geeste - Am Oberhamm und in der Braunstraße - stürzten von zwei Wohnblöcken sogar große Teile der Flachdächer nach unten. Am Oberhamm polterten die Dächer der Häuser Nr. 125 und 127 auf die Fahrbahn, Steine knallten von der Verankerung des Daches vor die Haustür, Holzbalken segelten über die Straße bis in die gegenüberliegende Grünanlage und bohrten sich dort in den Rasen. An der Braunstraße war es der Block Nr. 9e, der sein Dach verlor. "Ich dachte, das fliegt mir ins Schlafzimmerfenster", sagte der kranke Reinhold Lüders im gegenüberliegenden Wohnblock. Doch das Dach traf nur die Hauswand, kein Fenster. Die Trümmer fielen auf den Rasen. Die Insassen von zwei Wohnungen mußten evakuiert werden, weil sich ihre Zimmerdecken durchgebogen hatten.

Als sich der Orkan von Südwest auf Nordwest drehte, drückte er mit voller Stärke in die Straße An der Mühle hinein, die nicht nur hoch, sondern auch in West-Ost-Richtung liegt. Wie durch eine Düse heulten die Böen durch diese Straße und entfesselten am Geestemünder Wasserturm ein Inferno: Das Kupferdach des Turmes krachte in die Tiefe. Die verschnörkelte Turmspitze schlug wie eine Bombe vor einen Getränkelieferwagen, in dem der Kaufmann Eduard Schäfer saß. Sein Fahrer war gerade in eine Gaststätte gegangen. Plötzlich merkte Schäfer, wie sich das Dach mit der Plane von hinten über das Führerhaus legte. Nicht die Bombe vom Wasserturm, eine Bö hatte das Wagendach umgeknickt. Zur gleichen Zeit saß der Lebensmittelkaufmann Günter Neitzel im Eckgeschäft gegenüber des Wasserturms. "Es schlug wie ein Blitz ein", sagte er hinterher, aber was der Blitz war, merkte er nicht. Eine Schaufensterscheibe zum Wasserturm hin zersprang. Dadurch drückte der Wind in den Laden und riß die Scheibe gegenüber heraus und auf die Straße. "Ich sah, wie der Sturm eine Frau umwarf", sagte Neitzel, "und gegen die Hauswand schleuderte." Im Laden selbst drückten die Böen das Regal mit Zucker und Mehl um. Dann wankte das Regal mit Spirituosen. "Zehntausend Mark", sagt Neitzel, "standen für mich auf dem Spiel." Schließlich half die Feuerwehr mit, das Spirituosenregal zu halten. Mitten im Orkan erschien eine Kundin und begehrte einzukaufen. Da sich die Tür durch den Winddruck nicht bewegen ließ, kam sie durchs Fenster.

ZWEI SCHIFF TRIEBEN IM HAFEN AB
UNFREIWILLIGE REISE - KRAN UMGESTÜRZT - VIELE FREIWILLIGE HELFER

Der größte Sturmschaden ereignete sich im Hafengebiet. Am Neuen Hafen kippte der Orkan den Portalkran des ehemaligen Kohlenumschlagplatzes um. Der stürzende Kran riß die Wand eines Lagergebäudes ein und stürzte auf die Kaje. Den Kran nutzt die Schichauwerft für ihren Lagerlatz. Ein Wunder: Kein Lagerarbeiter erlitt Verletzungen. Menscheneben gerieten auch nicht in Gefahr, als die Vertäuung eines Frachters und eines Kutters brach und die Schiffe abtrieben.

Im Neuen Hafen riß sich von der Kaje vor Rogge der Cuxhavener Kutter " Ovva III " los und trieb quer über den Neuen Hafen gegen das andere Ufer. Die Besatzung konnte ihn dort vor einer Dalbenreihe halten. Das gleiche Schicksal erlitt im Überseehafen der Lloydfrachter "Badenstein" (10 480 BRT). Um 9.50 Uhr brach am Freiladeplatz eine achterliche Vertäuung. Mit der Vorderleine blieb er zunächst am Poller hängen. Dann ging das Schiff auf Reise zur Vogelinsel. Dort schrammte es Baggerschuten. Drei Schlepper konnten den Frachter zwar davor bewahren, weiter abzutreiben. Sie schafften jedoch nicht, das Schiff gegen die Orkanböen wieder zum anderen Ufer zu bringen. Mit Schrammen kam auch der Seebeck Neubau "Araluck" davon, der von der Columbuskaje auf Probefahrt gehen sollte, aber nur dazu kam, die Härte der Kaje auszuprobieren.


Die Feuerwehr hatte bereits um 9.45 Uhr Katastrophenalarm gegeben. Um 10.49 Uhr forderte sie zwei Züge des zivilen Bevölkerungsschutzes mit zehn Fahrzeugen an, um 11.05 Uhr die erste von sechs Gruppen des Technischen Hilfswerkes mit 65 Mann. Zusammen mit den Freiwachen standen 200 Helfer unter dem Einsatz der Feuerwehr, die ein Löschfahrzeug immer für die eigentliche Aufgabe - Brandbekämpfung - in Reserve hielt. Auf diese Reserve wußte dreimal zurückgegriffen werden, weil es während des Orkans dreimal brannte, unter anderem ein Ofen und eine Waschmaschine.

Auch die Polizei hatte alle Kräfte mobilisiert. Zum ersten Male bewährten sich dabei die neuen Schutzhelme für Demonstrationseinsätze. Jetzt schützten sie vor herabprasselnde Dachziegel. Denn die Polizei übernahm die Absperrung vor gefährdeten Dächern. Während des Orkans selbst konnte die Feuerwehr oft auch nichts anderes machen. Denn auf den Dächern hielt sich niemand.


Ein Zimmergeselle wagte es, sich in der Schifferstraße aus der Dachluke abzuseilen, um ein Brett zu bergen, das in der Regenrinne lag. Das Brett stammte von einem Gerüst, das auf die Straße gekippt war und die Leitung für die Straßenbeleuchtung abgerissen hatte. Im Stadtrandgebiet rissen umgestürzte Bäume so oft freihängende Elektroleitungen herunter, daß es insgesamt zu 40 Einzelstörungen kam. Einen totalen Stromausfall gab es für die gesamte Stadt zwischen 11.08 und 11.10 Uhr, weil das überörtliche Netz ausfiel. Auch Signallampen und Straßenbahnen gaben nun keinen Funken mehr von sich.

Weil auch die Freileitungen der Wasserwerke Langen und Bexhövede wie traurige Enden von den Masten hingen, brach die Wasserversorgung im Süden der Stadt für Stunden vollends zusammen.

Überdies sorgten gebietsweise Spannungsschwankungen im Stromnetz dafür, daß die Straßenbahn zwischen 11 und 13 Uhr oft Pausen bis zu 20 Minuten einlegen wußte. Auch die E-Züge der Bundesbahn trafen mit durchschnittlich einer halben Stunde Verspätung in Bremerhaven ein.

Um 14 Uhr hatte die VGB Hochbetrieb. Die amerikanischen Streitkräfte in Weddewarden legten ihren Feierabend von 17 auf 14 Uhr vor und verlangten Sonderbusse zum Abtransport von 150 Angestellten, die nicht in privaten Wagen abgefahren werden konnten. Doch die Katastrophe am Deich blieb aus.

Quelle: NZ vom 14.11.1972 & Archiv Feuerwehr Bremerhaven